CORONA

von Adelheid Kamin (Kommentare: 0)

ist eine Geschichte von unserem allseits beliebten WILLI WOLLER wie er diese Zeit erlebt.

Sie zeigt nicht nur die Angst und Sorgen, die dieses Virus verbreitet, sondern auch mit welcher Selbstverständlichkeit die Menschen in Langschlag ihre vulernablen Mitbürger in dieser schwierigen Zeit unterstützen, um sie vor Ansteckung zu schützen.

 

CORONA (APRIL 2020 + NOV 2020)

Das Leben ist still geworden.

Das Corona-Virus hat die Welt im Griff. Meiner Meinung nach das blödeste Vieh auf der ganzen Welt. Es ist so gierig darauf sich zu vermehren, dass es seinen Wirt umbringt - und sich somit letzten Endes selbst vernichtet. Also, das blödeste Vieh, das es gibt. Vieh? Die Experten bezweifeln, ob es tatsächlich ein Tier oder überhaupt ein selbstständiges Lebewesen ist.

Aber es zeigt uns - ach so großen und gescheiten Menschen - was es kann. Und es zeigt uns, was wir nicht können, und was wir nicht sind.

Die Zahl der Infizierten explodiert, bald werden es Millionen sein, und die Todesfälle steigen rasant an. Das öffentliche Leben steht fast still. Straßen sind gespenstisch leer, die Menschen sind aufgerufen, ihre Häuser nach Möglichkeit nicht zu verlassen. Nur die sogenannten Helden des Alltags halten durch das Verrichten ihrer Dienste noch die Versorgung der Bevölkerung aufrecht.

Menschen, auf die man früher zugegangen ist, um ihnen die Hand zu reichen, muss man jetzt ausweichen, Besuche sind nicht erlaubt.

Ich frage mich: "Wen wird es nächstes Jahr nicht mehr geben - von meinen Verwandten, von meinen Freunden? Wird es mich selber noch geben?"

Werde ich meinen Sohn, der in Afrika arbeitet, je wieder sehen?

Der Gedanke erfüllt mich mit Grauen, dass der beste Sohn der Welt, wie ich ihn zu nennen pflege, im fremden Land möglicherweise hilflos und qualvoll ersticken muss. In einem Quarantänelager, das wohl eher einem Gefängnis gleicht als einem Spital.

Sehnsucht nach der früheren Unbeschwertheit des Alltags kommt auf. Einsamkeit macht sich breit, Schwermut und - warum soll man es nicht sagen- Angst.

Wie hieß es in einem Film so treffend: " Angst fressen Seele auf."

Die Seuche zeigt uns ihre grausliche Fratze.

Während ich so trüben Gedanken nachhänge, läutet die Türglocke.

"Schau" sagt die Frau, "ich bringe dir was zu essen."

"Aber du hast mir doch erst am Montag was gebracht. Das ist lieb von dir, aber ich kann mich schon selbst versorgen."

"Ich muss mich doch um dich kümmern" meint sie." "Ich tue es ja gern."

"Danke schön" sage ich unsicher. Mehr fällt mir nicht ein.

Kaum mache ich die Türe zu, klingelt das Telefon:" Hallo, da ist die Nachbarin. Zeitung habe ich dir auf den Gartenzaun gehängt. Ich fahre gerade einkaufen -brauchst du was?"

Jeden Abend ruft der beste aller Söhne aus Afrika an, ob es seinem Vater noch gut gehe. Und er schimpft mich, wenn ich nicht genug Optimismus ausstrahle.

Am nächsten Nachmittag läutet es an der Haustür. Mein Bruder macht eine Runde mit dem Mountainbike und bringt mir eine Flasche mit Desinfektionsmittel vorbei, obwohl er selber zur gefährdeten Altersgruppe gehört und daheim bleiben sollte.

Ich rufe beim örtlichen Nahversorger Hemberger an: " Habt ihr in Corona-Zeiten einen Lieferdienst?"

"Ja, natürlich. Was brauchst du denn?" Ich gebe telefonisch meine Liste durch und frage: " Wie ist das mit der Bezahlung?" "Du kannst das Geld der Angestellten geben, die die Lieferung bringt. Du kannst die Rechnung aber auch später einmal begleichen. "Was kostet das Lieferservice?" "Nichts."

Ach ja, Tabletten nachkaufen. Also Anruf in der Arztpraxis. In einer Aussendung wurde erklärt, man solle am Parkplatz vor der Ordination im Auto warten, dort würde man die Medikamente bekommen. "Nein" erklärt die Dame am Telefon. "Sagen Sie mir, was Sie brauchen, es wird geliefert. "Eine Stunde später bringt die Ärztin die Medikamente. " Hier sind die bestellten Heilmittel."" Herzlichen Dank. Was kostet der Lieferdienst?" "Nichts."

Kaum ist die Ärztin verschwunden, läutet es schon wieder.

"Mein Gott, gute Frau, du brauchst doch nicht schon wieder was zu essen bringen!"

"Aber ich tue es doch gerne!"

Ich spüre ein Würgen im Hals.

Ich gehe am großen Vorzimmerspiegel vorbei. Das Gesicht, das ich sehe, ist verschwommen, weil ich eine Träne der Rührung zerdrücke. Das Gesicht wird dadurch auch nicht schöner.

Warum sind diese Menschen so fürsorglich und hilfsbereit zu mir? Hat doch keiner was davon, wenn ich die Corona-Zeit überstehe. Warum wollen sie dieses bisschen Mann, dieses bisschen Mensch, das für nichts mehr gut ist, und das hauptsächlich in der Vergangenheit lebt, am Leben halten?

Ich weiß keine Antwort auf diese Frage. Vielleicht liegt die Antwort in einem Satz eines Dichters:" Die Menschen bedauern und lieben einander mehr, als sie bereit sind, sich einzugestehen." 

Aber eines weiß ich: "Dass es noch immer schön ist, unter solchen Menschen zu leben."

© Willi Woller

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